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Pandemie – Die Virusvariante Omikron (B.1.1.529) im Überblick

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Jemand träufelt aus einer Pipette auf ein Probenröhrchen.

Welche Variante des Coronavirus vorhanden ist, kann mithilfe von Genom-Sequenzierung festgesetellt werden (picture alliance/dpa/Camilo Freedman)

Omikron zeichnet sich durch eine stark gesteigerte Übertragbarkeit im Vergleich zur Delta-Variante aus. Zur schnelleren Ausbreitung des Virus trägt bei, dass sich Omikron nach einigen Studien vermutlich vor allem im oberen Atemwegstrakt vermehrt statt in der tiefen Lunge. Das könne zu einer schnelleren Übertragung führen, sagte der Biophysiker Richard Neher am 3.1.2022 im Deutschlandfunk.

Schon nach drei Tagen kann eine infizierte Person Omikron weitergeben, Delta hat dafür einen Tag länger gebraucht. Es geht nicht nur schneller, Omikron wird auch drei Mal häufiger als Delta in der Familie übertragen, wie eine englische Studie zeigt. Die Variante trägt mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein, weshalb die Antikörper bei Omikron nicht mehr so gut greifen. Wie der Corona-Expertenrat der Bundesregierung in seiner Stellungnahme vom 19.12.2021 festgehalten hat, kann Omikron zudem den Immunschutz Geimpfter und Genesener unterlaufen. Daher seien auch Geimpfte und Genesene stark in das Infektionsgeschehen involviert. Vor schweren Verläufen sind sie aber weiter gut geschützt.

Subtyp BA.2 ist noch stärker ansteckend

Die Coronavirusvariante Omikron hat weitere Untervarianten: Neben dem Subtyp BA.1., der aktuell in Deutschland dominiert, gibt es noch die Subtypen BA.2 und weitere. In Dänemark dominiert BA.2 und Studien zeigten, dass dieser Subtyp für Ungeimpfte noch ansteckender sein könne, sagte der Immunologe Carsten Watzl am 1.2.2022 im Deutschlandfunk. So sei es für Ungeimpfte doppelt so wahrscheinlich, sich bei einem infizierten Haushaltsmitglied anzustecken, wenn dieses mit BA.2 statt mit BA.1 infiziert sei. Bei Geimpften habe man hingegen keine erhöhte Wahrscheinlichkeit gefunden.

Infektionen mit Omikron verlaufen in der Regel milder. „Pro nachgewiesenem Fall gehen weniger Leute ins Krankenhaus“, sagte der Virologe Christian Drosten am 30.12.2021 im Deutschlandfunk. Ein Grund dafür ist, dass Omikron zwar sehr effektiv die Zellen in den oberen Atemwegen infizieren kann, dafür aber nicht so erfolgreich in das tiefe Lungengewebe eindringt.

Christian Drosten: Die Pandemie wird nur für die Geimpften vorbei sein (30.12.2021)

Patienten, die mit Omikron ins Krankenhaus müssten, könnten eher auf den normalen Stationen bleiben und lägen zu einem geringeren Anteil auf den Intensivstationen, sagte Drosten. Sie müssten auch nicht so schnell mit Sauerstoff versorgt werden.

Daten zeigen keine erhöhte Gefahr für Kinder durch Omikron

Die Befürchtung, dass Omikron bei Kindern die Gefahr erhöhe, bestätigt sich bisher nicht. Weder für sehr junge noch für ältere Kinder sei mit schwereren Verläufen zu rechnen, sagte der Virologe Wolfgang Preiser von der Stellenbosch University in Kapstadt am 3.1.2022 im Deutschlandfunk.

Obwohl die Krankheitsschwere durch Omikron im Vergleich zu Delta reduziert ist, haben Experten vor der Variante intensiv gewarnt. Die Befürchtung: Da Omikron sehr ansteckend ist, könnten sehr viele Menschen gleichzeitig erkranken oder sich in Quarantäne begeben müssen. Der Expertenrat der Bundesregierung hatte in seiner Stellungnahme vom 9.12.2021 dadurch sogar eine Gefährdung für die kritische Infrastruktur – wie Polizei oder Feuerwehr und natürlich das Gesundheitssystem – gesehen.


Bisher kommt Deutschland aber gut durch die Omikron-Welle. „Die Fallzahlen steigen weiter massiv an, aber tatsächlich steigen sie bei weitem nicht so heftig, wie es unter Omikron möglich wäre“, erklärte Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts am 28.1.2022 auf einer Pressekonferenz. Das liege auch daran, dass „sich die allermeisten Menschen verantwortungsvoll“ an die Pandemie-Regeln hielten. „Wir gewinnen tatsächlich mit jedem Tag Zeit, an dem sich viele weitere Menschen impfen lassen können und auch eine Auffrischungsimpfung nehmen“, sagte Wieler. Dennoch dürfe nicht vergessen werden, dass Deutschland „auf einen Höhepunkt“ der Pandemie zusteuere. Knapp ein Prozent der Bevölkerung habe sich in der letzten Woche des Januars mit Corona infiziert. Jeder dritte PCR-Test sei positiv ausgefallen.

Testkapazitäten sind am Limit

Aufgrund der hohen Zahl an Infektionen stoßen die Labore, die die Coronatests auswerten, an ihre Grenze. Der Verband Akkreditierter Labore in der Medizin teilte am 1.2.2022 mit, dass die Labore bundesweit zu 95 Prozent ausgelastet seien. Dass im Laufe der Omikron-Welle nicht mehr alle eigentlich nötigen PCR-Tests durchgeführt werden können, hatte der Modellierer Thorsten Lehr bereits am 5.1.2022 im Deutschlandfunk prognostiziert.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat daher vorgeschlagen, dass Labore künftig vorrangig Proben von Risikogruppen, Beschäftigten in Kliniken, Praxen, in der Pflege und in Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung untersuchen sollen. Wer zu einer Risikogruppe oder zu den genannten Beschäftigtengruppen gehört, wird das voraussichtlich mit einem ärztlichen Attest beziehungsweise einer Mitarbeiterbescheinigung nachweisen müssen.

Andere Personengruppen wären damit zwar nicht von PCR-Tests ausgeschlossen, es könnte aber sein, dass sie durch die Priorisierung länger auf ihr Ergebnis warten müssen. Entfallen soll für die große Masse zumindest vorübergehend der Anspruch auf einen PCR-Bestätigungstest nach einem positiven Corona-Schnelltest. „Eine regelhafte bestätigende PCR-Testung“ werde „zunächst ausgesetzt“, heißt es im entsprechenden Entwurf des Gesundheitsministeriums.

Reduktion der Quarantänepflichten

Um der Gefahr von Personalengpässen durch Quarantäne entgegenzuwirken, wurden die Quarantäne-Auflagen angepasst. Unter anderem müssen dreifach geimpfte Kontaktpersonen von Corona-Infizierten nicht mehr in Quarantäne. Außerdem werden damit kürzere Quarantänezeiten im Fall von Infektionen ermöglicht, um bei stark steigenden Ansteckungszahlen den Zusammenbruch wichtiger Versorgungsbereiche zu verhindern.

Daten aus England zeigten Anfang 2022 eindeutig: Impfungen schützen vor schweren Verläufen. Schon die erste Dosis halbiert das Risiko, nach einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen. Eine vollständige Impfung schützt zu rund 70 Prozent und der Booster steigert das auf 85 Prozent.

Zudem gelingt es der Booster-Impfung auch, eine Infektion zwar nicht sicher zu verhindern, aber doch unwahrscheinlicher zu machen. Nach einer Drittimpfung habe man nach Daten aus England 75 Prozent Schutz vor einer symptomatischen Infektion, sagte die Virologin Ulrike Protzer am 20.12.2021 im Deutschlandfunk. Die Schutzwirkung setze etwa 10 bis 14 Tage nach der dritten Impfdosis ein. Bei der Delta-Variante habe dieser Schutzfaktor noch bei 95 Prozent gelegen, 75 Prozent sei aber immer noch ein guter Wert. Es sei definitiv sinnvoll, eine dritte Dosis zu erhalten.

Beide Effekte zusammen, Schutz vor Infektion und vor schwerem Verkauf, kombinieren sich beim Boostern zu einer Schutzwirkung von 90 Prozent vor einem Klinikaufenthalt. Und der Booster senkt auch das Risiko, das Virus an andere weiterzugeben deutlich, wie eine dänische Haushaltsstudie zeigt.

Grafik zeigt die neutralisierenden Antikörper bei Delta, Omikron und Omikron geboostert

Omikron fliegt unter dem Radar der meisten Antikörper, die durch die Impfung entstanden sind. Nur noch ein Bruchteil der Antikörper kann die Viren erkennen und „neutralisieren“‚. Ein Booster kann die Zahl der neutralisierenden Antikörper kurzzeitig wieder signifikant erhöhen. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

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Virologe Florian Klein: Boostern hilft gegen die Omikron-Variante (30.12.2021)

Auch Biontech und Moderna gehen davon aus, dass ihre Impfstoffe nach drei Dosen wirksam gegen die Omikron-Variante sind. Beide Hersteller arbeiten aber auch an speziell an Omikron angepassten Vakzinen. Die werden allerdigngs frühestens im Februar oder März verfügbar sein. Experten raten daher dazu, nicht zu warten, sondern jetzt die vorhandenen – und weiterhin wirksamen – Impfstoffe zu nutzen und im Frühjahr den Schutz gegen Omikron aufzufrischen. Die Europäische Union hat am 17.12.2021 180 Millionen angepasste Impfdosen bei Biontech/Pfizer bestellt.

Quellen: Arndt Reuning, Christina Sartori, Volkart Wildermuth, Agenturmaterial, Science Media Center, NDR, fmay, nin, ikl, og, pto



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